AM STRAND

GB 2017 / 110 Minuten

Regie : Dominic Cooke

Darsteller : Saoirse Ronan, Billy Howle

 

Schon einmal, 2007, war Saoirse Ronan in der Verfilmung eines Romans von Ian McEwan zu sehen, in „Abbitte“. Da spielte sie ein 13-jähriges Mädchen, das im Sommer des Jahres 1935 die erotische Spannung zwischen ihrer älteren Schwester und dem Sohn der Haushälterin registriert und mit einer falschen Beobachtung das Leben der beiden zerstört. Ronan verlieh diesem Mädchen eine wundervolle Ambivalenz: nachdenklich, aufmerksam und kompliziert, für ihr Alter viel zu klug und doch unschuldig, weil ihr die Sexualität der Erwachsenen noch verschlossen ist. Auch in „Am Strand“ wird es um Sexualität gehen, vor allem um die Angst davor, um Anziehung und Prüderie, um Begierde und Scheu.


Es ist der Sommer 1962. Florence (Saoirse Ronan) und Edward (Billy Howle), beide Anfang 20, haben soeben geheiratet. Nun sitzen sie in einem langweiligen, biederen Hotel am Chesil Beach in Dorset und essen zu Abend. Eine seltsame Spannung liegt über dem Dinner, die Unterhaltung kommt nicht recht in Gang, man ahnt, dass etwas nicht stimmt. Die bevorstehende Hochzeitsnacht legt sich wie Mehltau über diesen Spätnachmittag. Nun erfährt der Zuschauer in Rückblenden, wie Florence und Edward sich kennen gelernt haben, wer sie eigentlich sind. Florence stammt aus einer reichen, konservativen Familie, ihr herrischer Vater ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Edwards Vater hingegen ist einfacher Lehrer, seine Mutter ist nach einem Unfall geistig behindert. Florence spielt in einem Streichquartett meisterhaft Violine, Edward will einmal Autor werden. Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Liebe tut dies keinen Abbruch. Doch als Edward jetzt, im faden Hotelzimmer, Florence ungeschickt auf die Pelle rückt, stürmt die entsetzte Braut aus dem Hotel zum Chesil Beach. Der nun folgenden Auseinandersetzung ist Edward nicht gewachsen…


Der Roman ist berühmt für sein Ende, in dem McEwan auf wenigen Seiten den Rest von Edwards Leben referiert. Die Absicht ist klar: Dieser eine Abend am Strand von Chesil war von höchster Bedeutung. Regiedebütant Dominic Cooke findet für den Schluss eine angenehmere Lösung, die den Zuschauer etwas weicher auffängt. Das ändert aber nichts an der Traurigkeit des Films, denn hier geht vor allem um verpasste Lebenschancen, um falsch gelebtes Leben und die Reue darüber. Saoirse Ronan und Billy Howle machen dieses Bedauern eindrücklich deutlich: zwei Menschen, die noch zu jung sind für das, was an diesem Abend auf sie zukommt. Besonders Ronan, die selten schöner war als in diesem Film, überzeugt als eigentlich selbstbewusstes Mädchen, das sich wortreich gegen die konservativen Eltern wehrt und sogar gegen die Atombombe demonstriert, mit Sex aber gar nichts am Hut hat. Die Rückblenden fügen sich nahtlos in die Erzählung ein. Jede Szene aus der Vergangenheit offenbart, dass die beiden Liebenden sich früher wohler miteinander gefühlt haben als ausgerechnet jetzt, in der Hochzeitsnacht. Natürlich ist dies auch ein Film über das England der frühen sechziger Jahre und die Lustfeindlichkeit, die damals geherrscht haben muss. Miteinander zu schlafen, die Jungfernschaft zu verlieren, hatte für diese Generation etwas zutiefst Verstörendes, die Eltern waren keine große Hilfe. Dass nur wenige Jahre später mit der Beatlemania und den Swinging Sixties eine neue Ära der Freiheit begann, wie Cooke am Ende kurz andeutet, macht diese verunglückte Hochzeitsnacht noch absurder und beklemmender.  (Michael Ranze)