ASPHALT

Stummfilm Deutschland 1929 – 90 Minuten

Regie: Joe May

Mit: Gustav Fröhlich, Betty Amann, Hans Albers, Paul Hörbiger

 

Die Geschichte eines Polizisten, der in die Netze einer verführerischen Diebin gerät und seinen Nebenbuhler tötet. - In einem Berliner Juwelierladen wird ein Diebstahl entdeckt; der junge Polizist Albert Holk wird hinzugerufen. Der alte Juwelier will die junge Diebin Else Kramer laufen lassen, doch der Polizist erklärt, als Beamter müsse er die Sache weiter verfolgen. Um ihrer Strafe zu entgehen, versucht Else Kramer nicht nur das Mitleid des Polizisten zu wecken, sondern es gelingt ihr sogar ihn zu verführen. Für Albert Holk hat die Begegnung mit der jungen Diebin folgenschwere Auswirkungen....Ein realistisches Stummfilm-Melodram, das durch überzeugende Darstellung und hervorragende Kameraarbeit seinen Kolportagecharakter verliert. Ein Klassiker des deutschen - stummen - Kriminalfilms. Joe Mays letzter Stummfilm, mit Gustav Fröhlich in der Hauptrolle zeigt die UFA der Stummfilmzeit auf dem Höhepunkt ihrer Virtuosität und kinematographischen Phantasie. Es lässt sich nichts Moderneres denken als die verblüffende Lebendigkeit der Straßenszenen: die Kamera beherrscht alles, wählt aus, isoliert, sie arbeitet wie das menschliche Auge, ist von einer immensen Wachheit. Aber auch die Verführungsszene ist ein wahres Lehrstück des Kinos.

 

 

Berlin: Der junge Albert Holk (Gustav Fröhlich) ist ein Wachtmeister der Polizei. Auf einer belebten Kreuzung der Innenstadt regelt er täglich den Verkehr. Noch lebt er bei seinen Eltern. Sein betagter Vater, der Hauptwachtmeister Holk (Albert Steinrück), ist stets im Amt. Und seine Mutter (Else Heller) ist überaus stolz auf ihr einziges Kind. Eines Samstags verrichtet er auf seiner Kreuzung wieder den Dienst, während die hübsche Else Kramer (Betty Amann) das exquisite Juweliergeschäft Bergen besucht. Hier lässt sie sich vom Seniorchef (Hermann Vallentin) mehrere Diamanten zeigen. Der Herr ist von der flirtenden Schönen sehr angetan und bemerkt nicht, dass sie einen der Steine mit der Schirmspitze vom Teppich aufliest. Kaum hat sie den Laden verlassen, wird der Verlust erkannt. Aufgeregt rennt man der Dame hinterdrein. Auch Wachtmeister Holk kommt des Weges, nachdem er auf der Kreuzung abgelöst wurde, und begleitet die schöne Else zurück in den Juwelierladen. Nach einer Leibesvisitation wird man noch im letzten Augenblick auf den Diamanten an der Schirmspitze aufmerksam, und Else Kramer gesteht ihre Tat. Mit Holk fährt sie im Taxi in Richtung des Polizeipräsidiums und ist am Boden zerstört. Der junge Polizist, von der Frau und ihrem Gemütszustand wohl berührt, sieht grimmig drein. Schließlich kann er ihr den Wunsch nicht verwehren, vor dem Verhör noch ihre Ausweispapiere zu holen. Und so begleitet er Else Kramer in ihre Wohnung…

 

 

Doch Asphalt, dessen Geschichte simpel und flugs erzählt ist, hat mit Blick auf seine Charaktere und die 12 Jahre später einsetzende Ära des Film Noirs noch mehr zu bieten. Albert Holk erliegt der Verführung durch Else Kramer und sie erliegt schließlich ihm. Regisseur Joe May zeigt in straffer und eindringlicher Form, in welchen Abhängigkeiten sich der biedere Kleinbürger und das luxusverwöhnte Callgirl bewegen. Dabei schreckt er auch vor ironischen Seitenhieben nicht zurück, – die Eltern Holk verfügen sich in die Kirche, der Junge verbringt den Tag auf Elses Diwan in der Kirchstraße! – die illustrieren, wie das Kino der Vierziger und Fünfziger wiederum prüde wurde. Hier ist Betty Amann als Femme fatale Else Kramer das Salz in der Suppe – Asphalts zentraler und größter Charakter. Dabei ist die hemmungslose Sexualität der Verführungsszene, die so verblüffend unmittelbar und ausschweifend ist, ohne wirklich etwas zu zeigen, nicht das Einzige. Ihre Blicke und Launen, ihr Lachen und Rasen, all die falschen und die echten Gefühlsausbrüche – Else ist ein so komplexer wie schlichter Charakter. Durch und durch ist sie eine Femme fatale, die das Objekt ihrer Begierde in tiefe Seelennot bringt. Klasse zeigt auch Hans Adalbert Schlettow, der in jedem Film Noir der Vierziger wunderbar aufgehoben gewesen wäre und den guten Eindruck rundet. Zuletzt wird das Potential der Konflikte leider nicht konsequent durchgespielt und mit Blick auf Zensur und Publikumsgeschmack, so scheint es, rutscht man ins Melodram weg. Das ist schade, denn so spielt Asphalt nicht in der Liga von Dr. Mabuse, der Spieler (GER 1922) und bleibt doch eines der wenigen Pre-Noir-Werke des Stummfilms, die heute in exzellenter Fassung zugänglich sind. Tolle Fotografie, rasantes Erzähltempo, wunderbare Ausstattung, klasse Schauspieler – und somit rundum zu empfehlen!

 

 

Dieser späte Stummfilm von Joe May erlebte am 11. März 1929 im Ufa-Palast in Berlin seine Uraufführung. Dank des Fundes einer fast vollständig erhaltenen Kopie in einem russischen Archiv sowie seiner Restauration durch die Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung liegt er seit 2005 als exquisit gestaltete DVD in der Reihe Masters Of Cinema von Eureka Entertainment Ltd. (UK) in fast vollständiger Länge und hervorragender Bildqualität vor. Als eines der letzten Werke des expressionistischen Stummfilms der Weimarer Republik ist er aber nicht nur von historischem Interesse. Sicher: die opulente Ausstattung durchs Babelsberger Ufa-Studio, der versierte Umgang mit Stilmitteln und Techniken und daraus resultiernd die innovativen Bilderwelten, die der statischen und preiswerten Machart vieler Tonfilme der Dreißiger und Vierziger klar überlegen sind – das beeindruckt auch heutige Cineasten.

 

Ein Film aus dem Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung (www.murnau-stiftung.de) in Wiesbaden