HAPPY END

Frankreich Österreich Deutschland 2017

110 Minuten

Regie : Michael Haneke

Darsteller : Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Toby Jones,

Mathieu Kassovitz

 

Schon die ersten Smartphone-Bilder sind eine Kampfansage. Ein Mädchen filmt ihre Mutter im Badezimmer und stellt die Aufnahme in ein soziales Netzwerk. Sie gibt Befehle für die scheinbar mechanischen Bewegungen am Waschbecken und kommentiert erschreckend kalt das ewige Gejammer, verärgert über die nicht endenden Depressionen der „Alten“, die sie dazu animiert hätten, deren Tabletten dem nun toten Hamster zu verabreichen.

 

Zwei Bildschirmbilder weiter liegt die Mutter keuchend auf einem Bett und stirbt. Ihre Tochter tippt: „Wie leicht es ist, jemand ruhig zu machen, ich rufe jetzt die Rettung, jetzt ist sie nicht mehr blöd und weiß alles besser.“

Nach diesem vorbildlichen Haneke-Prolog weiß man, womit zu rechnen ist. Die Institution Familie, zumal aus dem bourgeoisen Industriellen-Milieu, bietet keinen Schutzraum, sondern entpuppt sich als Schlachtfeld enttäuschter Erwartungen und fehlgeleiteter Hilfeschreie. Gefilmt wird dieses Biotop mit einer keinerlei Emotion vortäuschenden Kamera, unterbrochen von Schwarzblenden, die das nächste zwischenmenschliche Desaster einläuten. Uneindeutiges ist Mangelware. Das Plakative soll zum Zwecke der Belehrung triumphieren. Denn natürlich bleibt Haneke immer noch Moralist genug, um nicht nur des Verstörens wegen seine Figuren hemmungslos anzuschwärzen.

Warum das die Erwachsenenwelt zwanghaft filmende Mädchen so grausam ist, versteht man nicht auf Anhieb, auch wenn man es seit „Benny’s Video“ und „Funny Games“ besser wissen sollte. Der Vater holt die 13-Jährige nach dem „Selbstmord“ seiner Ex-Frau immerhin zu sich und kümmert sich mit seiner zweiten Frau liebevoll um das sichtlich verstörte Kind. Als Chefarzt fehlt ihm eigentlich die Zeit für eine intensive Betreuung, zumal er heimlich ein Verhältnis mit einer Gambistin hat; und auch sein greiser Vater unternimmt alles, um mit wiederholten Suizidversuchen auf sich aufmerksam zu machen.

Mathieu Kassovitz ist in dieser für ihn ungewöhnlichen Rolle nicht zu beneiden. Er muss vor Besorgnis für sein gefährdetes Kind zerfließen und zugleich den ausschweifenden Online-SM-Erotomanen mimen, was ihm mit superber Unschuldsmine stets gelingt. Das gilt weniger für Isabelle Huppert. Sie spielt seine Schwester, die sich mit einem missratenen Sohn herumplagt, der den familiären Baukonzern nicht zu führen vermag. Ein Erdrutsch mit Todesfall könnte vor Gericht ihre gesamte Existenz bedrohen. Den Filius aber animiert die bedrohliche Situation nicht etwa dazu, über sich hinauszuwachsen. Er vergräbt sich im Bett und lässt seine umso energischere Mutter den Karren aus dem Dreck ziehen. Dass Isabelle Huppert eine so zielgerichtete wie herzlose Geschäftsfrau perfekt verkörpern kann, hat sie oft genug bewiesen. Nur wo bleibt dabei für alle Beteiligten die Herausforderung?

Die Ausgangskonstellation des Films könnte nicht ritualisierter geraten. Ein Clan wie aus dem Chabrol-Bilderbuch, ansässig in der Hafenstadt Calais, wo das paradiesisch blaue Meer mit den Abgründen der mehr oder weniger lebensmüden Bewohner kollidiert. Jean-Louis Trintignant sorgt in dieser Tragik, Komik, Sex und Tod unaufhörlich mixenden „Seifenoper“ für eine Art Fortsetzung von „Liebe“, indem er seiner Enkelin, die ebenfalls irgendwann vergeblich aus dem Leben zu scheiden versucht, eine Beichte ablegt. Er habe seine dahinsiechende Frau mit einem Kissen erstickt. Die Welt, so wie sie jetzt ist, ekele ihn an. Nun solle sie ihm dabei helfen, sein tristes Rollstuhldasein zu beenden.

Reminiszenzen an „Caché“  tauchen beiläufig in der Gestalt maghrebstämmiger Hausbediensteter und schwarzafrikanischer Flüchtlinge auf, die ein pompöses Festbankett mit ihrer unangekündigten Anwesenheit verstören. Doch die Eindringlinge verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Es interessiert sich nicht wirklich jemand für sie. Auch nicht der Sohn, der sie nur aus Wut und Selbsthass eingeladen hat, um seine Kränkung durch den Clan zu kompensieren.

Es macht Haneke sichtlich Vergnügen, sein eigenes Ideenreservoir zu plündern, es grotesk zu verzerren und an die eigenen Grenzen zu drängen. Hinter förmlich korrektem Miteinander verbirgt sich Gleichgültigkeit und Distanz, Kommunikationsgeräte ersetzen Nähe, man rettet den anderen nur, weil die statussichernde Fassade des Erfolgs aufrechterhalten werden soll.

Die Jungen und die Alten übertreffen sich in zynischer Abwehr, hier und da fließen Tränen, Schuldgefühle machen sich Luft, um sogleich mit verbaler Gewalt mitfühlend weggewischt zu werden. Mit seinen 75 Jahren poliert Haneke trotzig seinen Markenkern, lässt die Hüllen seiner Monster-Zeitgenossen fallen und sendet die Botschaft: schlimmer geht immer. Damit hat er wohl auch Recht. Das beweist unsere aus den Rudern laufende Gegenwart ebenso wie das urkomische Filmende, wenn die eine Generation eine gar nicht gewollte Hilfsaktion unternimmt, während die andere regungslos und doch auch angenehm stimuliert das Puppentheater filmt. Für diese überklare Botschaft liebt man den österreichischen Menschensezierer, auch wenn er der Kraft der Wiederholung nicht allzu lange vertrauen sollte.

 

Alexandra Wach, FILMDIENST 21/2017