LIEBER LEBEN

Frankreich 2017

105 Minuten

Regie : Mehdi Idir, Grand Corps Malade

Darsteller : Pablo Pauly, Moussa Mansaly, Nailia Harzoune

 

Ein Unglück verändert das Leben eines jungen Mannes radikal. Aus einem angehenden Sportlehrer wird ein Pflegefall, der plötzlich im Rollstuhl sitzt. Gleich zu Beginn wird dem Zuschauer in „Lieber leben“ einiges zugemutet. Und doch sollte man sich davon nicht abschrecken lassen. Denn tatsächlich entwickelt der Film aus diesem Szenario eine unerwartet humorvolle und einfühlsame Geschichte über Freundschaft, die mit ihren grandiosen Nachwuchsdarstellern und treibenden Hip-Hop-Beats für modernes französisches Kino steht.

Von einem Moment auf den nächsten ist nichts mehr wie es einmal war. Was sich nach einer Phrase anhört, wird für Ben (Pablo Pauly) zur bitteren Realität. Ein Unfall, über dessen Hintergründe zunächst kaum etwas bekannt ist, macht aus einem sportlichen jungen Mann mit vielen Zukunftsplänen und Wünschen eine hilflose Person, die plötzlich komplett auf andere angewiesen ist. Als er wieder das Bewusstsein erlangt, ist Ben vom Hals abwärts gelähmt. Aus seinem Krankenbett nimmt er in diesem Moment seine Umwelt nur schemenhaft wahr. Dann werden die Schläuche und Maschinen entfernt und er schließlich nach vielen Wochen in eine Reha-Klinik verlegt. Dort beginnt für ihn ein neues Leben.

 

Bei allem ist er nun auf fremde Hilfe angewiesen. Sogar das aufrechte Sitzen muss Ben neu lernen. Es ist die Voraussetzung, um das Zimmer das erste Mal nach Monaten wieder zu verlassen. Hoffnung machen ihm dabei selbst die kleinsten Fortschritte. Als er schließlich im Rollstuhl sitzt, scheint das Glück für einen kurzen Moment perfekt. Ben lernt in der Klinik auch die bereits reha-erfahrenen Farid (Soufiane Guerrab), Steeve (Franck Falise) und Toussaint (Moussa Mansaly) kennen, mit denen er den oftmals eintönigen Alltag fortan zusammen meistert. Es entstehen neue Freundschaften. Und wenn er an die hübsche Samia (Nailia Harzoune) denkt, könnte es sogar mehr sein.

Die ersten Einstellungen von „Lieber lernen“ erinnern sehr an Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“. Der Zuschauer erlebt zunächst alles aus Bens Blickwinkel. Die Geräusche und Stimmen sind dumpf, die Gesichter verschwommen. Anders als bei Schnabel lösen die beiden Regisseure Mehdi Idir und Fabien Marsaud diese streng subjektive Perspektive aber nach wenigen Minuten auf. Mit dem Wechsel in das Reha-Zentrum beginnt dann ein weitaus konventionellerer, oft jedoch nicht weniger einfühlsam erzählter Film. Die Geschichte basiert auf dem stark autobiografischen Roman von Co-Regisseur und Hip-Hop-Musiker Marsaud, der hier unter seinem Künstlernamen „Grand Corps Malade“ in Vor- und Abspann auftaucht. Er kennt die Gefühlswelt seines Protagonisten nur zu gut. Er teilte dessen Ängste, Zweifel und Hoffnungen. Diese Authentizität, die durch das bravouröse Spiel von Hauptdarsteller Pablo Pauly noch verstärkt wird, bildet das stabile und bis zuletzt überzeugende Grundgerüst des Films.

Obwohl der deutsche Titel „Lieber leben“ doch deutlich vom schlichten französischen Original „Patients“ abweicht, so drückt er sehr genau die durchaus positive, lebensbejahende Grundstimmung des Films aus. Vor allem diese andere Herangehensweise an ein ansonsten meist viel zu schwer aufbereitetes Thema zeichnet das Regiedebüt der beiden Freunde Idir und Marsaud/Grand Corps Malade aus. Wenn Ben und seine Kumpels durch die scheinbar endlosen Flure der Klinik fahren, sich mit Galgenhumor im Warten üben oder mit Späßen versuchen, die Zeit totzuschlagen, dann vergisst man selbst als Zuschauer mitunter ihre schwierige Lage. Und dennoch wird hier weder beschönigt noch relativiert. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Glück und Schmerz, Leben und Tod liegen vielmehr dicht beieinander. Erfreulich ist vor allem, wie die Geschichte den Figuren Raum zur Entfaltung lässt und dabei weitgehend auf allzu melodramatische Tricks verzichtet.

Auch wenn „Lieber leben“ gewisse recht nahe liegende Plotpoints beinhaltet – die Annäherung zwischen Ben und Samia gehört dazu –, so fühlt sich nichts erzwungen oder einfach ausgedacht an. Der Film basiert hauptsächlich auf Erlebtem und weniger auf den ansonsten üblichen Einfällen eines Drehbuchautors. Dass beide Regisseure mit Hip Hop aufgewachsen und bis heute der Musik eng verbunden sind – Idir als Musikvideoregisseur, Grand Corps Malade als in Frankreich sehr erfolgreicher Hip Hop-Künstler – verleiht ihrem Filmdebüt einen ganz eigenen Rhythmus. Man könnte auch von Beat sprechen. Schließlich übersetzen sie Bens Herzschlag in eine wunderbar leichte, emotional packende filmische Reise.  Marcus Wessel (www.programmkino.de)