MADAME AURORA UND DER DUFT VON FRÜHLING

Frankreich 2017

89 Minuten

Regie : Blandine Lenoir

Darsteller : Agnès Jaoui, Thibault de Montalembert

 

Eine alleinstehende Frau Anfang 50 verliert ihre Arbeit, wird vom Arbeitsamt gedemütigt und erfährt zudem, dass sie ihre älteste Tochter demnächst zur Großmutter macht. In dieser Phase der kompletten Umorientierung helfen ihr Vergleiche mit Freundinnen ebenso wenig wie eine neue Liebe, vielmehr muss sie sich grundsätzlich den Veränderungen in ihrem Leben stellen. Die liebenswürdig-optimistische Komödie überzeugt vor allem dank der ebenso zurückhaltend wie präzise agierenden Hauptdarstellerin Agnès Jaoui.

 

Bis Anfang 50 lief es ganz gut für Aurore Tabort. Nach der frühen Heirat mit einem Schulfreund zog sie gemeinsam mit ihrem Mann zwei Töchter auf und half ihm bei der Büroarbeit; nach der Trennung machte sie allein weiter und konnte als patente Kellnerin Fuß fassen. Doch nun schlägt die Menopause ein, und Aurore gerät zusehends aus dem Tritt: Ständige Hitzewallungen sorgen für Verdruss, die Töchter studieren und verbringen ihre Zeit lieber mit ihren Freunden, und der neue Chef verbannt Aurore nicht nur hinter den Tresen, sondern will sie auch noch umtaufen. Der Name „Samantha“ sei exotischer und geschäftsträchtiger, will er Aurore weismachen, deren Krise damit perfekt ist. Wie um ihren zukünftigen Status als Identitätslose zu bekräftigen, öffnen sich von nun an auch automatische Türen nicht mehr für sie. Aurore scheint an einem toten Punkt und zweifelt: Kann das Leben für sie noch etwas bereithalten?

 

Die Antwort der französischen Komödie „Madame Aurora und der Duft von Frühling“ ist ein optimistisches „Ja!“ Regisseurin Blandine Lenoir stellt ihre Hauptfigur zwar an einem Scheideweg dar, doch was auf Aurore zukommt, sind durchaus reizvolle neue Lebensbereiche. Als Tochter Marina ihre Schwangerschaft enthüllt, reagiert Aurore zuerst abwehrend, findet sich dann aber schnell mit ihrer Rolle als künftige Großmutter ab. Auch dass ihr Noch-Ehemann die Scheidung einreichen will, kommt Aurore gerade recht, denn durch Zufall begegnet sie ihrem ersten Freund wieder. Der ist mittlerweile ein etablierter Arzt und scheint nur auf sie gewartet zu haben.

 

Am schwersten wiegt die Arbeitssuche, die Aurore nach dem Bruch mit ihrem schnöseligen Boss erwartet. Angebote sind rar und gelten Jüngeren, sodass sie ihre Erwartungen herunterschrauben und den langen Weg aus Schulungen und Kurzzeitjobs antreten muss. Hier öffnet sich der größte dramatische Ansatz in dem ansonsten sehr positiv gestimmten Film: Die Unsicherheit der Protagonistin und ihr Wunsch, den Erwartungen zu entsprechen, ohne sich unter Wert zu verkaufen, verdichten sich zum präzisen Porträt einer Frau, die sich an keine Gewissheiten mehr klammern kann. Umso mehr, als auch ihre Familie und ihre beste Freundin Mano nur wenig hilfreiche Ratschläge parat haben, wie der auf mehreren Ebenen erzwungene Neubeginn zu meistern wäre.

 

Sich als Mann oder Frau in den Fünfzigern beruflich und oft auch privat neu aufstellen zu müssen, war in den letzten Jahren im französischen Kino ein wiederkehrendes Thema. Die schonungsloseste Auseinandersetzung mit dem selbstausbeuterischen Kampf um eine Rückkehr in die Arbeitswelt stammt dabei wohl von Stéphane Brizé: „Der Wert des Menschen“ mit Vincent Lindon; daneben bot die erste Riege der französischen Schauspielerinnen packende Einblicke in diese Art der Umorientierung quer durch alle Schichten: von Isabelle Hupperts Professorin in „Alles was kommt“ über Catherine Frots Hebamme in „Ein Kuss von Béatrice“ bis zu Karin Viards als Putzfrau wirkender Arbeitsloser in „Mein Stück vom Kuchen“.

 

In „Madame Aurora“ ist es Agnès Jaoui, die mit einer höchst präzisen Leistung daran anschließt. Ihre Figur lacht, weint und rappelt sich wieder auf, wechselt glaubhaft zwischen zurückhaltenden und selbstbewussteren Momenten und bleibt gerade in ihren Ängsten, Schwächen und den gelegentlichen Fehlentscheidungen liebenswert. Auch durch ihren Humor. Ein simuliertes Arbeitsgespräch, das angesichts eines gegen sie voreingenommenen Coachs zu entgleisen droht, bringt Aurore durch den selbstbewussten Einsatz eines seltenen Talents erfolgreich über die Bühne. Dass sie ihren Weg schon machen wird, glaubt man dem Film gern. Das gilt für den Rest der Mutmach-Komödie nicht uneingeschränkt. Blandine Lenoir und ihre Co-Autoren Jean-Luc Gaget und Océane Rose Marie greifen auf manches Klischee zurück, einige Erzählstränge verschwinden sang- und klanglos, nicht jeder witzig gemeinte Augenblick sorgt für die beabsichtigten Lacher. Auch der Versuch, Aurores Kampf einen feministischen Einschlag zu geben, indem sie sich gegen männliche Vorurteile oder sexistische Anfeindungen zur Wehr setzt, wird durch den beschwingten Tonfall unterlaufen. Da grundsätzlich alles auf Harmonie hinausläuft, fällt der gesellschaftskritische Biss eher aus. „Madame Aurora“ ist deshalb in erster Linie das gelungene Abbild einer individuellen Emanzipation, das den Elan von Aurores Lieblingssong in den Film hinüberträgt: „I Got Life!“ (Marius Nobach / epd-Filmmagazin)