MEINE COUSINE RACHEL

USA / GB 2017

106 Minuten

Regie : Roger Michell

Darsteller : Rachel Weisz, Sam Claflin

 

Im Haus der Ashleys mag man es unkompliziert. Ambrose, in den 1830er-Jahren das Oberhaupt der südenglischen Familie, betreibt nicht viel Aufwand um seinen Status als Gutsherr und gibt dies auch an seinen jüngeren, von ihm adoptierten Vetter Philip weiter. Die beiden Männer fühlen sich ihren Pächtern eng verbunden und packen bei nötigen Arbeiten im Freien mit an.

 

Ihr Herrenhaus halten sie dagegen nur notdürftig in Schuss, und dass einige Bereiche nach jahrelang versäumter Pflege kaum noch bewohnbar sind, kommt ihnen sogar entgegen: Besonders Ambrose kultiviert ein Einsiedler-Dasein mit wenig Besuchern und will insbesondere keine langfristige Lebenspartnerin. „Frauen kamen uns nicht ins Haus“, sagt zu Filmbeginn Philip, der dem Älteren nur in diesem Punkt nicht nacheifern will. Dass er irgendwann Louise, die Tochter seines Paten und Familienanwalts, heiraten wird, steht für alle Welt fest.

Mit dieser frühviktorianischen Junggesellenbude ist es aber bald wieder vorbei. Das harte Klima treibt Ambrose ins Ausland, wo er kurze Zeit später tödlich erkrankt; als der alarmierte Philip eintrifft, ist sein Vormund bereits verstorben. Die Schuld daran, davon ist der junge Mann überzeugt, trägt allein jene entfernte Cousine Rachel, die Ambrose erst heiraten wollte, bevor er sie in seinen letzten Briefen als seine Peinigerin beschimpfte. Als Rachel ihren Besuch im Haus der Ashleys ankündigt, will Philip die Gelegenheit zur Abrechnung nutzen, überschätzt jedoch seine Weltgewandtheit. Kultiviert, im gesellschaftlichen Umgang erfahren und obendrein wunderschön, tritt die mutmaßliche Männermörderin in Gestalt von Rachel Weisz in den Film ein – und vom ersten Moment an ist klar, dass sich der von Sam Claflin gespielte naive Jüngling ihrem Charme nicht entziehen wird.

Roger Michell hat bereits mit „Jane Austens Verführung“ und „Hyde Park am Hudson“ Begabung für unterhaltsame Kostümfilme bewiesen. Bei seiner Verfilmung des 1951 veröffentlichten Romans von Daphne du Maurier bleibt er nah an der Vorlage. Insbesondere du Mauriers Absicht, das Rätsel um Rachels wahres Wesen zu bewahren, überträgt der Regisseur überzeugend in seinen Film – vor allem dank seiner Hauptdarstellerin Rachel Weisz: Sie stattet ihre Figur mit einer von Szene zu Szene wechselnden Ausstrahlung aus, die sie als leidenschaftliche Südländerin und überschwängliche Lebedame, mitunter aber auch als selbstbewusste Macherin und raffinierte Intrigantin erscheinen lässt. Sam Claflin kontert dies mit einer effektiv eingesetzten Ausstrahlung von Verletzlichkeit und Impulsivität, die sich äußert, wenn Philip wieder einmal daran scheitert, Rachel zu durchschauen und ihren Lebensweg seinen Wünschen zu unterwerfen. Wie zuvor Ambrose verfällt auch er seiner Cousine und versucht, sie mit Geldzuwendungen und Geschenken an sich zu binden, bis ihre ablehnende Reaktion auf seine rückhaltlosen Liebesbezeigungen sein Misstrauen weckt: Gequält von Eifersucht und unerklärlichen Krankheitsanfällen, steigert sich sein Argwohn, dass sie auch ihm nach dem Leben trachten könnte.

Einen frischen Zugriff auf den Stoff verrät die Adaption vor allem da, wo sie die ungesicherte Lage einer Frau aufzeigt, die trotz ihrer Stellung in der Gesellschaft stets der Gnade von Männern ausgeliefert bleibt. Dass Rachel sich dagegen wehrt, wenn auch womöglich mit verheerenden Mitteln, betrachtet der Film grundsätzlich mit Sympathie. Solche neuinterpretatorischen Ansätze bleiben freilich die Ausnahme. Ansonsten folgt Michell eher brav den Vorgaben seines Genres und widmet besondere Aufmerksamkeit Südenglands imposanten Küsten als Kulisse, den prachtvollen Kostümen und der gediegenen Ausstattung. Alles in allem behauptet sich sein Film damit durchaus neben der ersten Verfilmung des Romans von 1952 mit Olivia de Havilland und Richard Burton (fd 2763), die er zumindest im Einsatz großer Gesten und Effekte übertrifft: Mal reißt ein unheilverkündender Wind Notenblätter von einem Pult, mal kullern in Großaufnahme die Perlen einer zerrissenen Kette eine Treppe hinab. Was einen Hang zur Melodramatik verrät, die nicht nur der abgeklärten Hauptfigur etwas übertrieben vorkommen darf.

 

Marius Nobach, FILMDIENST 18/2017