MORD IM ORIENT EXPRESS

USA 2017

108 Minuten

Regie : Kenneth Branagh

Darsteller : Kenneth Branagh, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench

 

„Es scheint, als wäre heute die ganze Welt auf Reisen. Und das mitten im Winter!“ Gut, dass Hercule Poirot Beziehungen hat. Sonst wäre nicht einmal ein Liegewagenplatz im Zweierabteil möglich gewesen. Es zahlt sich aus, der berühmteste Detektiv der Welt zu sein! Und, wie er mit gesundem Selbstbewusstsein zu ergänzen pflegt, wohl auch der beste. In einem der gewitzteren Dialoge in Kenneth Branaghs Version von Agatha Christies „Mord im Orient Express“ sagt er zudem: „Wenn es leicht wäre, wäre ich nicht berühmt!“

Der Orient Express von Istanbul nach Paris ist voll besetzt. Dennoch hat der Direktor der Schlafwagengesellschaft, ein guter Freund, dafür gesorgt, dass Poirot einigermaßen standesgemäß unterkommt. Der belgische Detektiv, der gerade einen verzwickten Fall dank seiner im Übermaß aktiven „grauen Zellen“ gelöst hat, will Ruhe und schnell Richtung Heimat. Doch ein so charismatischer Kopf bleibt im illustren Kreis der in die „Zivilisation“ zurückreisenden feinen Gesellschaft nicht unentdeckt. Allen voran Edward Ratchett, der nichts unversucht lässt, sich schon vor Verlassen des Istanbuler Bahnhofs unbeliebt zu machen, sucht Poirots Bekanntschaft. Der Geschäftsmann mit windigen Partnern ist ein Außenseiter unter denen, die schon immer Geld hatten, und ein Mann, der sich gerne Feinde macht. Seine Ängste wegen eines Mordkomplotts stoßen bei Poirot auf taube Ohren.

Doch am nächsten Morgen, der Zug hat gerade Jugoslawien erreicht, ist Ratchett tot. Natürlich lässt sich der Detektiv nicht lange von seinem mitreisenden Freund Bouc bitten. Die hiesige Polizei tauge nichts, und zudem hat Poirot schon erste Beobachtungen angestellt, die ihn auf die Spur des Täters setzen. Keiner zweifelt daran, dass der in Ehren ergraute Belgier auch diesen Fall lösen wird.

Bei der Krimi-Autorin Agatha Christie, die ihren 14. Roman „Mord im Orientexpress“ im Jahr 1934 veröffentlichte, ist stets der Weg das Ziel. Spannend ist nicht die Frage, ob, sondern wie der Fall gelöst wird. Der Zug, der verschiedene Fahrgäste für die Dauer einer Reise zu einer von der Außenwelt isolierten Schicksalsgemeinschaft macht, liefert dafür eine perfekte Kulisse; zumal Christie das Fahrzeug auch noch im Schnee steckenbleiben lässt. Kenneth Branagh aber macht daraus ein wahres CGI-Actiongewitter, was nicht der einzige inszenatorische Fauxpas ist, der ihm widerfährt. Denn für die Geschichte bräuchte es lediglich Räume, aus denen die Verdächtigen nicht entfliehen können, und damit eine dramaturgische Druckkammer, in der Poirot in Ruhe die Beteiligten auf Herz und Nieren prüfen, die Fakten ermitteln und den Täter entlarven kann.

Während Sidney Lumet 1974 für seine Version von „Mord im Orientexpress“ (fd 19 218) in der furiosen Anfangssequenz genüsslich mit einem Defilee der Stars und den Schauwerten der High Society der 1930er-Jahre wucherte, lässt es Branagh pragmatischer angehen. In einer eindrücklichen Plansequenz schaut die Kamera von außen in den Zug, um Branagh in der Rolle Poirots zusammen mit Michelle Pfeiffer als Caroline Hubbard durch alle Waggons zu folgen. Der Zug selbst spielt bei Branagh keine (Haupt-)Rolle; er stammt ohnehin zu großen Teilen aus dem Computer. Branaghs Poirot ist umgänglicher als das von Albert Finney gespielte Pendant bei Lumet, und längst nicht so verschmitzt wie Peter Ustinov in den anderen stilbildenden Christie-Verfilmungen der 1970er-Jahre (von „Tod auf dem Nil“ (fd 20 947) bis „Das Böse unter der Sonne“ (fd 23 665)). Eine Gestalt irgendwo zwischen Superheld, James Bond und Benedict Cumberbatchs modernistischem Sherlock und dabei, trotz Schnurrbart-Schlafmaske, ein wenig „out of character“.

Obwohl Branagh ein ähnlich hochkarätiges Star-Ensemble wie einst Lumet antreten lässt, würde der Film ohne die umwerfend vielschichtige, plappernd-tiefsinnige Michelle Pfeiffer zur One-Man-Show tendieren; sie kann Branagh immerhin etwas Paroli bieten. Ansonsten lässt Branagh nur die Kamera neben sich brillieren: etwa in der Eingangssequenz oder wenn quasi das Dach des Zuges abgenommen wird und ganze Szenen sehr mutig aus der Vogelperspektive betrachtet werden. Und während die Filmmusik bei Lumet noch den ganzen Film mit einem Zauber überzog, heiter, morbid und in Passagen wie aus einem Psycho-Horror, macht sich Branaghs Hauskomponist Patrick Doyle mit belanglosem Klingklang hier akustisch fast unsichtbar.

Trotz allem aber hat „Mord im Orient Express“ auch in der 2017er-Version noch einiges zu bieten. Neben Branagh, Pfeiffer und den Kameraeinfällen etwa manch treffende Erwiderung aus dem beredten Munde Poirots, die großen Namen von Johnny Depp bis Penélope Cruz, ein stattliches Budget und natürlich die unverwüstliche Vorlage. Für den Augenblick reicht das. Als Evergreen aber wird der Film das „Original“ von 1974 mit Finney und Poirots Pfefferminzlikör nicht ablösen. Jörg Gerle, FILMDIENST 2017/24