VORHANG AUF FÜR CYRANO

Frankreich Belgien 2018

110 Minuten

Regie : Alexis Michalik

Darsteller : Thomas Solivérès, Olivier Gourmet, Mathilde Seigner

 

Der französische Schriftstellers Edmond Rostand (1868-1918) soll innerhalb von drei Wochen eine Erfolgskomödie schreiben, um einen Theatermacher vor dem Ruin zu retten. Aus der Not und einer kunterbunten Melange voller Sehnsüchte und Entbehrungen erwächst das Stück „Cyrano de Bergerac“, ein nur wenig gebrochener Spiegel des Lebens seines Autors. Die ausgelassene Komödie nutzt die Entstehungsgeschichte des Bühnenklassikers als Liebesklärung ans Theater und die Macht der Illusionen. Mit lebhaften Pointen, lustigen Anspielungen und vorzüglichen Darstellern entfaltet der in einem Bilderbuch-Paris des Fin de Siècle angesiedelte Film eine geradezu übermütige Charade zwischen Bühne und Realität.

 

 

 

 

Eine ausgelassene Liebeserklärung ans Theater und die Macht der Illusionen, die lustvoll um die Entstehungsgeschichte der Komödie „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand kreist, angesiedelt in einem Bilderbuch-Paris des Fin de Siècle, charmant und voller Pointen.

 

Versdramen sind nicht jedermanns Sache. Das muss auch Edmond Rostand (1868-1918) schmerzvoll erfahren. Seine kunstvoll gereimten Tragödien haben es schwer, selbst wenn die große Sarah Bernhardt die Hauptrolle spielt. Ganz Paris will Komödien sehen, am liebsten die von Georges Feydeau, Rostands größtem Konkurrenten im Kampf um die Gunst des Publikums. Nach seinem letzten Flop ist Rostand finanziell und künstlerisch am Boden. Ein Auftrag des Theatermachers und Schauspielstars Constant Coquelin für ein neues Stück kommt deshalb gerade zur rechten Zeit.

Leichtsinnigerweise sagt Rostand zu, eine Komödie zu schreiben. Coquelin, der darin die Hauptrolle übernimmt, steht ebenfalls unter Zugzwang. Es bleiben nur drei Wochen, um einen Erfolg auf die Bühne zu bringen, sonst wird das Theater geschlossen.

 

Liebesbriefe für einen Freund

Bei einem Tässchen Kräutertee in seinem Lieblingscafé findet der Autor Rostand immerhin seine Hauptfigur: Cyrano de Bergerac. Jetzt fehlt nur noch der Inhalt. Bei der Grundidee für das Stück hilft ihm unwissentlich sein gutaussehender, aber leicht verwirrter Freund, der Schauspieler Léo. Er hat sich in die ebenso kluge wie hübsche Jeanne verliebt und lässt sich von Edmond die richtigen Worte vorsagen, um ihr Herz zu erobern. Edmond schreibt ihr schließlich ohne Léos Wissen, aber in dessen Namen romantische Briefe. Jeannes Antworten wirken auf den Autor extrem inspirierend, der in den Nächten zwischen den Proben wie besessen an dem Stück weiterschreibt.

Doch immer neue Hindernisse müssen bewältigt werden: Edmonds Frau findet Jeannes Briefe und wittert eine Affäre. Coquelins unbegabter Sohn soll mitspielen, und die Rolle der jungen Roxane erhält ausgerechnet jene ältere Schauspielerin, die einst die Geliebte von Coquelins Geldgeber war. Als dann auch noch Jeanne am Theater auftaucht, um ihren neuen Job als Garderobiere anzutreten, steigern sich die Turbulenzen. Trotz allem öffnet sich am Premierenabend der Vorhang.

Der in Frankreich als Schauspieler und Autor bekannte Alexis Michalik erzielte im Jahr 2016 am Theater mit dem Stück „Edmond“ (so auch der Originaltitel des Films) seinen bisher größten Erfolg. Ähnlichkeiten zu Shakespeare in Love“ sind kein Zufall – die Komödie von John Madden diente als Vorbild.

 

Träumerische Hingabe, drollige Hilflosigkeit

Anfangs sollte „Edmond“ gleich ein Film werden, doch als Newcomer konnte Michalik keine Finanziers für die aufwändige Produktion finden. Nun führt Michalik sogar Regie und hat vor allem das Drehbuch geschrieben. Was er dabei als Autor leistet, ist schlicht großartig. Er porträtiert einen anfangs schüchternen Helden, der sich aus der Not heraus vom frustrierten Dichter zum Kämpfer wandelt, gelenkt von der Liebe zum Theater. Thomas Solivérès spielt diesen leidenschaftlichen Künstler mit einer umwerfenden Mischung aus träumerischer Hingabe und drolliger Hilflosigkeit, die sich in einen genialischen Zwangsaktivismus verwandelt. Den schönen, aber einfältigen Léo gibt Tom Leeb mit putzigem Teddybärencharme, Lucie Boujenah mimt Jeanne mit Anmut und viel kessen Witz. Sie wird von Léos Schönheit angezogen und verliebt sich in seine wunderbaren Worte, die allerdings von Edmond stammen.

 

Was im Stück tragisch endet, verwandelt sich im Dreieck zwischen Edmond, Léo und Jeanne in eine Liebeserklärung an die Macht der Illusion. Die Dialoge sind passgenau auf die Figuren zugeschnitten, die Pointen fliegen fröhlich hin und her. Es gibt zahllose Seitenhiebe auf die Welt des Theaters und des Films, doch trotz aller Insiderscherze steht die unterhaltsame Story im Vordergrund. Die lebhafte Bildgestaltung und ein auf die Gags akzentuierter Filmschnitt unterstützen die fast durchgängig übermütige Atmosphäre.

 

Das farbenfrohe Fin-de-Siècle-Paris ist eine augenzwinkernd präsentierte Klischee-Idylle. Hier wird eifrig Cancan getanzt, es gibt kokette Kokotten, und der Rotwein fließt in Strömen. Zum Ende des Stücks erweist die Inszenierung Rostand die Reverenz und wird ernsthaft: Als Cyrano de Bergerac den Bühnentod stirbt, öffnet sich der Raum, die Szene verlässt das Theater und führt hinaus in die Welt. Die Bühne ist zu klein geworden für den Dichter und seinen Helden.

 

Eine Reverenz an den historischen Klassiker

Für den Abspann hat sich Michalik ebenfalls einen schönen Kunstgriff ausgedacht: Fotos und Filmclips illustrieren den Weg des historischen Klassikers „Cyrano de Bergerac“ über mehr als 100 Jahre. Damit schlägt der Film einen Bogen zwischen der Komödie, dem Theaterstück und den Cyrano-Darstellern aus allen Epochen des Kinos – eine liebenswerte Idee für einen ausgelassenen Film, der dennoch niemals platt oder seicht wirkt. Chapeau! (filmdienst.de)

 


Sein letztes Stück war ein monumentaler Flop, nun jedoch versucht Edmond Rostand den bekannten Schauspieler Conston Coquelin für ein neues Stück zu begeistern. Nur hat Rostand noch gar keine Idee, die über die hinausgehen würde, dass die Hauptfigur ein Mann mit deformiertem Gesicht, aber ein echter Haudegen ist. Rostand ist jedoch gut im Improvisieren und kann Coquelin von seiner Idee überzeugen. Der hat ohnehin Bedarf, da sein jüngstes Stück vorzeitig abgesetzt wurde. Entsprechend bleiben nur wenige Wochen, um „Cyrano de Bergerac“ zu schreiben und auch auf die Bühne zu bringen. Aber nach wie vor sucht Rostand nach Inspiration, die er schließlich um sich herum findet – bei seinem Freund Volny, für den er den romantischen Einflüsterer geben muss, damit der bei seiner angebeteten Jeanne landen kann.

 

Irrungen und Wirrungen sind vorprogrammiert, während im Theater das Chaos herrscht, Widrigkeiten und Hindernisse sich häufen, aber ein Mann seine Vision verwirklicht und ein unsterbliches Meisterwerk erschafft, das – wie man am Ende hört – im Lauf des letzten Jahrhunderts mehr als 20.000-mal überall auf der Welt aufgeführt wurde. Die Geschichte von Cyrano de Bergerac kennt jeder, sie wurde in historischem, aber auch modernen Kontext mannigfaltig verfilmt. „Vorhang auf für Cyrano“ wirft nun einen locker-beschwingten Blick darauf, wie dieses Werk zum Leben erweckt wurde.

 

Natürlich ist es pure Fiktion, der sich Alexis Michalik hier hingibt, aber wie schon beim Barden aus Stratford-upon-Avon, dem in „Shakespeare in Love“ ein ähnliches Denkmal gesetzt wurde, ist es hier auch der Wortwitz und die auf hohem Niveau funktionierende Situationskomik, die dafür sorgt, dass fast zwei Stunden Laufzeit wie im Flug vergehen.

 

Michalik erweckt nicht das Paris des Jahres 1887 zum Leben, sondern ein idealisiertes. So, wie er es sich vorgestellt hat und wie er es in Prag sehr gelungen umsetzen konnte. Dass er mit seiner Darstellung der Stadt und ihrer Bewohner knapp an der Realität vorbeischrammt, verleiht dem Ganzen auch etwas Bühnenhaftes. Das korreliert mit der Geburt der Geschichte am Theater, aber auch mit dem Stück, das Rostand und seine Mitstreiter fast allein mit purer Willenskraft zum Leben erwecken.

 

Das Stück ist eine Tragödie mit komischen Elementen, der Film ganz und gar Komödie, aber auf die große Dramatik wollte Michalik dennoch nicht verzichten. Er zeigt Schlüsselmomente des Stückes, für das Ende mit Cyranos tragischen Abgang verlässt er jedoch die Bühne. Diese Szene wurde im Kreuzgang eines Klosters gedreht und erlangt so eine Wirklichkeit, die sinnbildlich auch dafürsteht, wie lebendig Theater für das Publikum werden kann, wenn es wie „Cyrano de Bergerac“ nur mitreißend genug ist.

 

„Vorhang auf für Cyrano“ ist ein unglaublich schneller, sehr verspielter, höchst vergnüglicher Film, der nicht nur eines der größten Stücke aller Zeiten, sondern auch das Theater selbst feiert. (Peter Osteried / programmkino.de)